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Modul 1: Grundlagen & Philosophie
Lektion 4 von 5
8 Min.

Die sechs Kernpraktiken

Eine übergeordnete Übersicht darüber, was Kanban-Praktiker tatsächlich tun.

1Praktik 1: Arbeit visualisieren

Alles beginnt mit Sichtbarkeit. Wenn man es nicht sehen kann, kann man es nicht managen.

Ein Kanban-Board macht Arbeit sichtbar – was in Bearbeitung ist, was wartet, was blockiert ist. Aber Visualisierung geht tiefer als ein Board:

  • Arbeitselemente visualisieren: Karten, die tatsächliche Arbeit repräsentieren
  • Workflow visualisieren: Spalten, die die Phasen zeigen, die Arbeit durchläuft
  • Richtlinien visualisieren: Explizite Regeln darüber, wie Arbeit sich bewegt
  • Blocker visualisieren: Visuelle Indikatoren, wenn Arbeit feststeckt
  • Kapazität visualisieren: Wie viel Arbeit jede Phase bewältigen kann

Wir behandeln dies ausführlich in Modul 2.

2Praktik 2: Work in Progress (WIP) begrenzen

Dies ist die kontraintuitivste Praktik und die wirkungsvollste. Indem man weniger auf einmal tut, schließt man insgesamt mehr ab.

WIP-Limits sind Beschränkungen, wie viele Elemente sich gleichzeitig in einer bestimmten Phase (oder im gesamten System) befinden können. Wenn ein Limit erreicht ist, kann man keine neue Arbeit beginnen – man muss erst helfen, etwas abzuschließen.

Dies erzeugt Flow, reduziert Kontextwechsel und macht Engpässe sichtbar. Modul 3 behandelt dies ausführlich.

3Praktik 3: Flow managen

Mit visualisierter Arbeit und begrenztem WIP kann man nun managen, wie Arbeit durch das System fließt.

Flow managen bedeutet:

  • Lead Time und Cycle Time messen
  • Engpässe identifizieren und beheben
  • Batch-Größen glätten
  • Wartezeiten reduzieren

Das Ziel ist vorhersehbare, nachhaltige Lieferung – keine heroischen Sprints. Modul 4 behandelt Flow-Metriken.

4Praktik 4: Richtlinien explizit machen

Implizite Regeln erzeugen Verwirrung und Konflikte. Explizite Richtlinien schaffen Klarheit.

Jede Spalte auf Ihrem Board sollte klare Richtlinien haben:

  • Was bedeutet „fertig" für diese Phase?
  • Wer kann Arbeit in diese Phase ziehen?
  • Was passiert, wenn jemand blockiert ist?
  • Wie werden Konflikte priorisiert?

Richtlinien müssen nicht komplex sein. „Code Review erfordert zwei Genehmigungen" ist eine Richtlinie. „Blockierte Elemente bekommen eine rote Flagge und werden im Standup besprochen" ist eine Richtlinie.

5Praktik 5: Feedback-Schleifen implementieren

Kanban definiert sieben Kadenzen – regelmäßige Meetings für unterschiedliche Feedback-Zwecke. Anders als Scrums vorgeschriebene Events sind dies Empfehlungen, die Sie je nach Bedarf übernehmen.

Die wichtigsten Kadenzen umfassen:

  • Daily Standups (Flow-Fokus, keine Statusberichte)
  • Replenishment Meetings (Priorisierung neuer Arbeit)
  • Delivery Planning (wann und was ausgeliefert wird)
  • Service Delivery Reviews (wie läuft es insgesamt?)

Modul 5 behandelt diese im Detail.

6Praktik 6: Kollaborativ verbessern, experimentell weiterentwickeln

Dies knüpft an evolutionäre Veränderung an. Verbesserung ist kein einmaliges Ereignis – sie ist kontinuierlich und experimentell.

Nutzen Sie die wissenschaftliche Methode:

  1. Das System beobachten (Flow-Metriken, Blocker)
  2. Eine Hypothese bilden („Das Reduzieren des WIP-Limits im Code Review wird die Lieferung beschleunigen")
  3. Experimentieren (zwei Wochen lang ausprobieren)
  4. Die Ergebnisse messen
  5. Anpassen (die Änderung beibehalten, modifizieren oder rückgängig machen)

Gescheiterte Experimente sind keine Misserfolge – sie sind Lernen. Der einzige Misserfolg ist, überhaupt nicht zu experimentieren.

Diese sechs Praktiken funktionieren zusammen als System. Visualisierung ohne WIP-Limits ist nur ein Task Board. WIP-Limits ohne Flow-Messung sind willkürliche Beschränkungen. Alle sechs Praktiken verstärken sich gegenseitig.

Wichtige Erkenntnisse
  • Die sechs Praktiken bilden ein kohärentes System, keine Auswahlliste
  • Visualisierung ist das Fundament – man kann nicht managen, was man nicht sehen kann
  • WIP-Limits erzeugen Flow, indem sie Fokus erzwingen
  • Explizite Richtlinien reduzieren Verwirrung und Konflikte
  • Kontinuierliche Verbesserung durch Experimente ist essenziell